[ Fehntjer Kurier ]

Geschichten aus dem Overledingerland

Liebevoll gesammelt und aufs getreulichste nacherzählt von Michael Till Heinze


Fehntjer Kurier vom 18.05.1989

Eine Ausstellung voller Kostbarkeiten
"... sowohl in loco als auch reisend zu agieren"

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Eine Ausstellung voller Kostbarkeiten
"... sowohl in loco als auch reisend zu agieren"

Overledingerland/Emden. -

"Kennen Sie Breinermoor?" war eine oft gestellte Frage im Emder Rathaus, als die Ausstellung "Lichtbilder - Lichtspiele" durch den Präsidenten der Ostfriesischen Landschaft, MdB Carl Ewen, und den Oberbürgermeister der Stadt Emden, Alwin Brinkmann, eröffnet wurde. Um die Antwort nicht schuldig zu bleiben: Es gab kaum jemanden, der Breinermoor kennt.

Breinermoor ist ein kleines Dorf im Overledingerland, wo die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Dort gibt es noch eine Schmiede, in der die hellen Hammerschläge auf dem Amboß widerhallen. Dort haben die Kühe auf ihrem Gang von oder zur Weide Vorfahrt, wenn sie die Straße überqueren. Dort gibt es einen wunderschönen Friedhof, abseits der Kirche gelegen, wo das Denkmal des "Erfinders der Breinermoerkers" (Schlittschuhe) liebevoll gepflegt wird.

Schnell hatte der Staat herausgefunden, daß es bei den Kinovorstellungen etwas zu verdienen gab. So wurde die Lustbarkeitssteuer eingeführt, aber auch Bauvorschriften erlassen, und es gab alsbald sogar eine Zensur für unschickliche Filme.
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Schnell hatte der Staat herausgefunden, daß es bei den Kinovorstellungen etwas zu verdienen gab. So wurde die Lustbarkeitssteuer eingeführt, aber auch Bauvorschriften erlassen, und es gab alsbald sogar eine Zensur für unschickliche Filme.

Manche allerdings verbinden das Wort "Breinermoor", jetzt in der Gemeinde Westoverledingen gelegen, auch mit bitteren Gedanken an unsere Umwelt, die immer mehr zerstört wird. "Bring das mal nah Breinermoor heißt so viel wie: "Schmeiß das doch auf den Müll." In der Tat ist außerhalb des kleinen Dörfchens Breinermoor die Mülldeponie des Landkreises Leer angesiedelt worden. Dort, auf der anderen Seite der B 70, war früher das schwimmende Königsmoor. Wenn es im Frühjahr oder Herbst stark geregnet hatte, standen die Ländereien an der Ems, die zur Gemarkung Breinermoor gehörten, immer unter Wasser, und die Bewohner der wenigen Häuser am altehrwürdigen Heerweg waren gezwungen, das Vieh ins Vorderhaus zu bringen. Breinermoor ist der Geburts- und Wohnort von Ahlrich Weyers Ibeling, der einer der fünf Entrepreneurs (Unternehmer) der Gesellschaft war, die das Rhauder-, Wester- und Osterfehn gegründet haben. In Breinermoor lebte einst auch Bernhard Brüning Watzema, der sich als Rentier das interessante Hobby Fotografie wählte. Und da er das schon kurz nach der Jahrhundertwende tat, sind seine Fotos in der o. g. Ausstellung zu sehen.

lnsa Rensinghoff, eine der drei wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen des Projekts "Anfänge der Fotografie in Ostfriesland", schreibt in ihrem Katalogbeitrag "Fotografie und Regionalismus" auf Seite 72:

Der Landschaftspräsident Carl Ewen betrachtet Fotos von Bernhard Brüning Watzema, Breinermoor.
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Der Landschaftspräsident Carl Ewen betrachtet Fotos von Bernhard Brüning Watzema, Breinermoor.

Umfangreiches Fotomaterial ist vom Dorf Breinermoor vorhanden. Michael Till Heinze stieß auf das Bildmaterial des Bernhard Brüning Watzema, Kirchenvorsteher und Rentier, geboren 15.6.1860 und verstorben am 29.2. 1940." Und sie fährt fort: "Die Dokumentation über Breinermoor ist ein sehr schöner, wenn auch bisher einmaliger Beitrag zur Fotogeschichte der Region." Die Leser vom Fehntjer Kurier kennen die vielen heimatkundlichen Beiträge unseres Mitarbeiters, und sie werden deshalb nicht allzu erstaunt sein, daß diese Aufsätze auch überregional Anerkennung finden.

Der Katalog zu dieser Ausstellung wurde von den Professoren Detlef Hoffmann und Jens Thiele von der Universität Oldenburg im Jonas-Verlag Marburg herausgegeben und kostet 20 DM. Er kann im Fehn- und Schiffahrtsmuseum, aber auch in jeder Buchhandlung erworben werden.


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Diese colorierte Ferrotypie (Metallbild) wird z. Z. noch bei der Ostfriesischen Landschaft in Aurich ausgewertet. Hanne Krawinkel stellte sie zur Verfügung. Auf der Rückseite war eine Zeitung von 1885 aufgeklebt. Es handelt sich demnach um eine Porträtaufnahme des Matrosen Johann Krawinkel, die dieser vermutlich bei einem Englandaufenthalt anfertigen ließ.

Nicht versäumen sollten unsere Leser aber einen Besuch dieser Ausstellung. Denn es ist nicht nur die Geschichte der Fotografie in Ostfriesland dokumentiert, sondern auch der frühe Film. Die wandernden Zeltkinos z. B. der Familie Ackermann aus Mittegroßefehn sind vielen älteren Ostfriesen noch von ihren jährlichen Jahrmarktsbesuchen her bekannt. "Gala-Vorstellungen mit Original Geister- und Gespenstererscheinungen" hieß es schon 1879, wenn die "mechanischen Theater" "mit eigener elektrischer Beleuchtung" (1896) bei Schützenfesten und Krämermärkten ihre furchterregenden Bilder zeigten. Damals wie auch in unseren Tagen bei den Horrorfilmen verboten die Eltern den Besuch solcher Veranstaltungen, und so ist es heute schwer, die Geschichte des Kinos in Ostfriesland nachzuzeichnen.

Die verschiedensten Gerätschaften aus der Frühzeit des Kinos sind ausgestellt. An manchen Objekten können Kinder und Erwachsene das "Fingerkino" und ähnliches ausprobieren.
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Die verschiedensten Gerätschaften aus der Frühzeit des Kinos sind ausgestellt. An manchen Objekten können Kinder und Erwachsene das "Fingerkino" und ähnliches ausprobieren.

Bernd Poch hat es in seinem Katalogbeitrag versucht, wobei er die Titelzeile aus dem Fehntjer Kurier vom 5. Januar benutzte: "Die Damen werden recht herzlich gebeten, die Hüte abzunehmen." So kommt es, daß die ersten Westrhauderfehner Filmvorführungen vom zweiten Ostertag 1913 in den Frisia-Lichtspielen von Jelly Bahns einsam neben den bereits etablierten Kinematographen-Theatern in Leer, Emden, Aurich, Norden und Wilhelmshaven stehen.

Das Fotografieren ist heute eine Alltäglichkeit wie Essen und Trinken. Keine Hochzeit ohne einen Video-Filmer, kein Ereignis, das nicht auf Farbfilm gebannt wird. Die Anfänge dieser faszinierenden, magischen Bilder, das geheimnisvolle Geschehen in der Camera obscura, all das ist in Emden zu sehen.

Seltsame Namen für die ersten mechanischen Kinotheater: Ein Phantasmakop von 1832, ein transportables Panorama oder ein Kinetoskop, das alles kann auf der Emder Ausstellung eigenhändig ausprobiert werden.
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Seltsame Namen für die ersten mechanischen Kinotheater: Ein Phantasmakop von 1832, ein transportables Panorama oder ein Kinetoskop, das alles kann auf der Emder Ausstellung eigenhändig ausprobiert werden.

Die Ausstellung verzichtet bewußt auf Sensationen. Vielleicht ist sogar der eine oder andere Besucher enttäuscht, daß er keine wandgroße Vergrößerung von wichtigen Fotos vorfindet. Diese heute möglichen "Fototapeten" gab es früher nicht. So muß sich der Betrachter in die Zeit um 1870 hineinversetzen. Dann findet er die Kostbarkeiten, wie z. B. das Portrait von Ysaak Brons aus Emden, der 1848 an der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Frankfurt teilnahm (Daguerreotypie, 1849). Oder die Fotoplatte von 1879, auf der die große Seeschleuse von Emden zu erkennen ist. Ganz besonders interessant die Bilderfolge vom Bau des elektrischen Leuchtturms von Borkum aus dem Jahre 1879/80. Sehr hübsch die Damenbadewagen mit den Badefrauen von 1878. Auch Unglücke wurden fotografiert, so die Strandung des Dampfers "Verona" auf Spiekeroog 1884. Es ist an dieser Stelle unmöglich, die über 300 ostfriesischen Originalfotografien aus dem vorigen Jahrhundert hier aufzuzählen.

150 Jahre Dornröschenschlaf der Mediengeschichte in Ostfriesland sind durch diese Ausstellung "wachgeküßt".

(Die Ausstellung ist bis zum 23. Mai im Emder Rathaussaal zu besichtigen. Öffnungszeiten: Mo. - Fr., 10-13 Uhr, 15-17 Uhr, Sa./So., 11-13 Uhr. Dann wird sie zweigeteilt: Ab 10. Juni ist die Abteilung Fotografie im Historischen Museum zu Aurich zu sehen, während die Kinogeschichte gleichzeitig bis zum 17. Juli im Jever Schloßmuseum ausgestellt wird. Im August ist die Kinogeschichte dann in Leer während der Schulferien in der Osterstegschule zu sehen, während die Fotografieabteilung im Burgmuseum Pewsum untergebracht ist. Im September wird die gesamte Ausstellung im Stadtmuseum Oldenburg gezeigt, und von Mitte Oktober bis Mitte November ist sie im Museum zu Nienburg zu besichtigen).

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