[ Fehntjer Kurier ]

Geschichten aus dem Overledingerland

Liebevoll gesammelt und aufs getreulichste nacherzählt von Michael Till Heinze


Fehntjer Kurier vom 12.09.1991


 

Da gab es einen klebrigen Kuß auf die Backe

 

Ordentlich getrennt nach Knaben und Mädchen stellt sich hier die Klasse von Mester Rosenberg dem Fotografen. Wann diese Aufnahme gemacht wurde, ist unbekannt, und auch bei den Namen der Kinder Kannen wir nur die Achseln zucken. Sogar „das Fräulein“ hat bis heute keinen Namen. Wer helfen möchte, sollte Frau Reuer im Schulmuseum Folmhusen anrufen (4989).


 


 

Sie bekamen von ihm Haue „um nix“

 

In den großen Ferien wollte Papa mich wieder nach Ostfriesland bringen. Ich war nun schon fast neun Jahre alt. Weil ich wegfuhr, brachte Mama mir eine Korallen-Halskette aus der Stadt mit. Sie packte mir meinen kleinen Koffer und sagte, vor der Abreise solle ich morgens lieber nichts essen, dann könne es mir im Zug nicht schlecht werden. Auch meine beiden Vettern Bernhard und Hermann wurden von Tante Mimi an den Zug gebracht und mitgenommen.

Auf Papas Freifahrtschein konnten wir nur mit Personenzügen fahren. In Münster mußten wir umsteigen und hatten dort einen längeren Aufenthalt. Im Wartesaal bestellte Papa für uns Kinder je ein Glas Limonade. Dazu aßen wir unsere Butterbrote. Später im Zug wurde es mir dann so schlecht, daß Papa Angst hatte, ich könnte ihm unter der Hand sterben. Dies hat er jedenfalls den Verwandten gesagt.

Ich wartete sehnsüchtig darauf, daß wir endlich aussteigen konnten. Und dann stand Tante Mintje wieder mit der Schubkarre an der Bahnstation. Als ich wieder den Torfgeruch einatmete, ging es mir gleich besser. Die beiden Vettern Bernhard und Hermann wurden von den Verwandten mit einem Leiterwagen abgeholt. Papa fuhr am nächsten Tag wieder zurück.

Ich sollte einige Tage bei Tante Mintje und ihren drei Jungen bleiben, mit denen ich nichts anfangen konnte. Meine Korallenhalskette war schon kaputtgerissen, und ich saß im Gang auf der Stufe und wollte die Perlen wieder aufreihen. Da kam der älteste, der Gerhard, von hinten angeschlichen und gab mir einen klebrigen Kuß auf die Backe. Ärgerlich stieß ich ihn fort. Er lachte und sagte auf plattdeutsch, ich sei doch „sien lüttle Bruut“. Dies wollte ich aber auf gar keinen Fall sein. Deshalb packte ich meine Perlen und ging in den Garten.

Am Zaun stand ein Nachbarsmädchen und hatte wohl auf mich gewartet. Sie hieß Hanni und war genauso alt wie ich. Zum Spielen hatte Hanni aber keine Zeit. Sie mußte die ganze Hausarbeit tun und die kleinere Schwester und den Bruder versorgen, weil ihre Mutter sehr krank und bettlägerig war.

Bei ihnen im Vorderhaus war die Post eingerichtet. Sie wurde geöffnet, wenn Hannis Vater vom Bestellgang mit dem Fahrrad zurück war. Erst abends um sechs Uhr kamen die Leute aus der Umgebung mit ihren Postsachen. Sehr spät am Abend wurde der Schalter dann geschlossen. Tante Mintje sagte, Hannis Mutter würde wohl nicht wieder gesund werden. Die Krankheit kam wohl daher, daß die Butzen keine Fenster hatten und man auch das Bettzeug nicht richtig lüften konnte. Ich war oft bei Hanni und half ihr bei der Hausarbeit. Ihre Mutter hörte ich im Schlafzimmer husten.

Fünfmal gibt es in Ostfriesland Tee, und jedesmal werden drei Tassen eingegossen, nachdem ein dicker Kandisklumpen in das „Kopke“ hineingelegt wurde. Später wird ein wenig dicker, süßer Rahm über den Tee gezogen. Tante Mintje war sehr lieb. Sie brachte mir sogar schon früh morgens ein kleines Täßchen Tee ans Bett mit einem Zuckerplätzchen. Aber der Tee war mit Steenfelder Wasser gekocht, und von diesem Wasser hatte ich dann bald wieder den ganzen Körper voll dicker roter Hitzequallen, die besonders des nachts fürchterlich juckten. Als ich nur noch Milch trank, wurde es auch nicht besser, und Tante Mintje brachte mich auf den Weg nach Flachsmeer.

Vom Königsweg an kannte ich mich alleine aus. Bis zum Bäcker Harms, dann den Friedhof entlang, die Schule rechts liegen lassen, und dann war ich auf dem langen weißen Sandweg, an dessen Ende ich den Schornstein von Tante Stintjes Haus sehen konnte. Eine Staubwolke kam näher und näher. Ob das wohl Macki, der Hund, war? Sollte der mich nach so langer Zeit wirklich wiedererkennen? Ja, es war Macki, und er kannte mich noch. Er wollte mich vor Freude umstoßen. Mein Köfferchen mußte ich absetzen, denn er lief immer wieder vor und zurück und sprang an mir hoch. Lieber Macki! Er war kein schöner Hund, so ein grauer struppiger Dorfköter, aber es war Macki, und er kannte mich wieder.

Dann kamen auch meine Kusinen den Sandweg hinuntergelaufen, und Tante Stintje stand mit ihrem lieben Gesicht wieder am Gartentor. Sie küßte mich und sagte: „Na, is man good, dat du d' weer büst.“ Onkel Rikus war im Hause. Er saß den ganzen Tag im Lehnstuhl und sah durchs Fenster auf den Sandweg hinaus. Er war an der Front am Kopf verletzt worden und hatte an der Stirn ein großes, aber zugeheiltes Loch.

Ich lief im weichen Sand wieder barfuß, trank von dem braunen kalten Moorwasser „ut de Pütt“ und aß jeden Mittag mit neuem Appetit die leckeren ostfriesischen Bohnen. Tante Stientje behandelte meine Hitzepocken erneut mit Penatencreme, bis sie abgeheilt waren.

Einmal ging ich mit Stinelies zur Schule. In Flachsmeer hatten die Kinder noch keine Ferien. Der Mester Rosenberg war sehr streng, und die Kinder sagten, sie bekämen von ihm Haue „um Nix“. Die Schule in Flachsmeer hatte nur einen Klassenraum, worin die Kinder aller Jahrgänge gleichzeitig unterrichtet wurden. Während die Kinder in Lennep Brennesseln suchten, ging ich hier in Flachsmeer mit ihnen ins Moor „Torftast“ sammeln. Denn der 1. Weltkrieg hinterließ nun auch in der Heimat deutliche Spuren. Es gab nicht mehr viel zu kaufen. „Torftast“ war ein hellbrauner, weicher Fusseltorf, wovon in Fabriken Schürzen und Männerhosen gewebt werden sollten. Dieses wurde wenigstens so gesagt.

Den Schulausflug nach Logabirum machte ich dann auch noch mit. Am Abend vorher wurden auf dem Schulhof die Wagen mit Birkengrün bunt geschmückt. Am folgenden Morgen saßen alle Schulkinder auf Reihenbäncken wie in einer grünen Laube. Die Pferde zogen an, und es war eine herrliche Fahrt.

Logabirum ist ein Ausfluglokal mitten in einem großen Wald bei Leer. Der Wald gehörte einem richtigen Grafen, dem Grafen von Wedel. Die ganze Wagenkolonne mußte meinetwegen sogar einmal anhalten. „Hett een sien Jaak verloren?“ riefen einige Jungen. Stientje stieß mich an: „Dat is doch dien Jaak“. Tatsächlich, meine Strickjacke war durch die Planken gerutscht. Ein Junge lief zurück und brachte mir die Jacke.

Dann gab es noch einmal einige Aufregung, als wir mit den Pferdewagen über die Leda geschleust wurden. Wir mußten dabei auf den Bänken sitzen bleiben. In Logabirum war es ähnlich wie in Lennep in Tocksiepen. Nur waren dort noch Käfige mit kleinen Äffchen und Bären. Und ein lustiger Onkel Heini lief dort auch herum. Auf das Karussell ging ich lieber nicht, sonst wäre mir bloß wieder übel geworden.

Auf der Heimfahrt war es schon fast dunkel. Die Birnzweige hingen welk über uns. Ein Junge spielte Mundharmonika. Später in der Butze hatten Stienlies und ich uns noch viel zu erzählen.


 

Die alte Schule von Flachsmeer. Der Glockenturm wurde im Jahre 1858 erbaut.


 

Am 5.August 1911 berichtet die Leeraner Anzeigen-Zeitung von 250 Kindern aus den Schulen von Ihrenerfeld bis Holterfehn, die ihren Sommerausflug zur „Waldkur“ von Onkel Heini machten. Sie setzten mit der Logaer Fähre über die Leda. Noch zwanzig Jahre früher besuchten unsere Großeltern den „Martinischen Garten“ beim Schützenhof in Heisfelde. Die LAZ berichtete am 5.Juli 1890 von einem gemeinsamen Ausflug der Schule Steenfelde und der kath. Schule Völlenerkönigsfehn. Die geschmückten Pferdewagen mußten die Wagenfähre bei Esklum benutzen, weil es bei Tjackleger (die heutige B 70) nur eine Bootspünte für den Personenverkehr gab. Die großen Kindergesellschaften wurden gewöhnlich auf Leeraner Seite mit Musik begrüßt, und unter „Vorantritt der Henneckschen Kapelle ging der Marsch“ zum beliebten Ausflugsziel. Das war ein großartiges Erlebnis, von dem noch jahrelang erzählt wurde.


 

Die Familie von Onkel Andreas in Flachsmeer ist nur deshalb so klein, weil die andern Kinder sich gerade bei anderen Leuten aufhielten, als der Fotograf mit seinem Holzkasten vorbeikam. Das Haus stand „bi Neumann achteroff“ in Flachsmeer an der Papenburger Straße. Von links: Gerd, Onkel Andreas, Dora mit ihrer heißgeliebten Puppe, Wendel, geb. Brandt, die 103 Jahre alte wurde, sowie Johanna.


 

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